STIFTERPOST Nr. 53/Mai 2020 - zur Onlineversion -

 

 

Liebe Leserinnen und Leser,

am 17. Mai ist Hans-Joachim Gelberg gestorben. Wir trauern um einen Freund der Bürgerstiftung Weinheim und einen großartigen Menschen. Unsere aufrichtige Anteilnahme gilt seiner Familie.
Über viele Jahre hat uns Herr Gelberg unterstützt und mit seinen Beiträgen die Stifterpost bereichert. Unser langjähriger Vorstandsvorsitzender Dr. Adalbert Knapp kannte Hans-Joachim Gelberg gut und hat viele anregende Gespräche mit ihm geführt. Daher haben wir Herrn Dr. Knapp gebeten, einen Nachruf zu schreiben. Und es ist ein ganz persönlicher geworden. Doch lesen Sie selbst.

Herzlich

Ihr


Jürgen
Osuchowski

 

Hans-Joachim Gelberg

1930    -   2020

Eine Erinnerung        von Adalbert Knapp

Anfang 2012 fragte ich Hans-Joachim Gelberg, ob er sich vorstellen könne, der Bürgerstiftung für die Stifterpost jeweils ein Gedicht zu stiften. Er war davon gleich sehr angetan. Und so erschien in der Aprilausgabe der Stifterpost erstmals ein von ihm ausgewähltes Gedicht - Erich Frieds „Du liebe Zeit" - mit einem sensibel-wissenden Begleittext, der mit einem Zitat Karl Krolows endete: Er schrieb zahlreiche Gedichte, die so einfach und so wichtig waren, dass man sie sich hinter die Ohren schreiben konnte".
Genauso ist es mit den von Hans-Joachim  ausgewählten Gedichten in den vergangenen acht Jahren.
Sie konnten mit Mascha Kalecko Grundlos vergnügt" sein, Gottfried Kellers milchjungem Knaben" brümmelt etwas", wenn er die Muschel ans Ohr hält, und Josef Guggenmos hat einen Traum, in dem gleich drei weiße Päpste erscheinen. Sie konnten aber auch ganz anders sein.
Ich fragte Gelberg einmal, ob ich das richtig wahrnehme, dass immer mehr Metaphysisches Eingang fände. Er meinte, wenn das so sei, habe es wohl mit dem Alter zu tun.
Auch einverstanden sein mit dem, was wir uns nicht vorstellen können," schrieb er über Betrachtung der Zeit" von Andreas Gryphius.

Betrachtung der Zeit
Mein sind die Jahre nicht / die mir die Zeit genommen.
Mein sind die Jahre nicht / die etwa möchten kommen.
Der Augenblick ist mein / und nehm' ich den in acht
so ist der mein / der Jahr und Ewigkeit gemacht.


Lebendige Literatur
Gelberg war lebendige Literatur. Jeder Austausch mit ihm, und war er noch so kurz, drehte sich um Wörter, die in Franz Wittkamps Gedicht Wunder sein können. Er kam diesem Wunder immer wieder nahe, wiewohl er wusste, dass es im Letzten ein Geheimnis bleiben musste. So wie das
Rätsel Augenblick", dessen Fülle Josef Guggenmos in einem Haiku einen Atem lang" preist.

Augenblick
.... oh, danke schön! Dieses Wort Augenblick begleitet mich seit Jahrzehnten. Es ist so vieldeutig wie kaum ein anderes Wort der deutschen Sprache" schrieb er einmal in einer Mail. Dieses Wort machte er auch zum Titel der Anthologie, die er 2017 für die Bürgerstiftung herausgab. Bilder zu den Gedichten gestalteten Schülerinnen und Schüler der Kunstkurse von Rosi Reusch und
Anke Krause des Werner-Heisenberg-Gymnasiums.
Augenblick", die gesammelten Gedichte der letzten fünf Stifterpostjahre wurde sein letztes Buch.
Es war eine Freude, mit ihm zu arbeiten. Und natürlich freute er sich wie jeder Verleger und Herausgeben mit der Bürgerstiftung darüber, dass das kleine Buch einen guten Absatz fand.

Lesend fühlt man sich zugehörig"
Für ein anderes Buch, das die Bürgerstiftung 2016 herausgab,
Weinheims alter Friedhof" schrieb er uns: Dieses Buch ist ein Erlebnis. Alles zusammen wirkt wie eine Oase der Besinnung. Die Fotos, natürlich, atmen fast. So schön kennt man den alten Friedhof beinahe nicht. Aber er ist so. Mit kundiger Behutsamkeit wird erzählt und beschrieben, wie dieser Friedhof über Jahrhunderte wuchs und alt wurde. An alles ist gedacht, selbst die Baumarten werden vorgestellt. Ein Gedenkbuch, mehr noch, lesend fühlt man sich zugehörig. Auch ich dachte, nun bin ich ein Weinheimer." Nicht nur Autor Alexander Boguslawski und Co-Autor*in Siegfried Demuth und Ute Haizmann freuten sich darüber. Aus der Bitte um einen Empfehlungstext war ein Wörter-Kunststück geworden.

Für die Redaktion der Stifterpost war es immer ein besonderer Augenblick, wenn das neue Gedicht ankam. Was hat er ausgewählt? Was hat er dazu geschrieben?

Ob wir wirklich ganz begriffen haben, was uns Hans-Joachim Gelberg in all den gemeinsamen Jahren geschenkt hat?

Wie wahr!
Sein letztes Gedicht - vor wenigen Wochen unter großen Mühen ausgewählt und interpretiert - schickte er für die Aprilausgabe 2020. Es war Friedrich Hölderlins

Zur Hälfte des Lebens
Und wenig Wissen, aber der Freude viel
Ist Sterblichen gegeben,
Warum, o schöne Sonne, genügst du mir,
Du Blüte meiner Blüten! Am Maitag nicht?
Was weiß ich höheres denn?
O daß ich lieber wäre, wie Kinder sind!
Daß ich wie Nachtigallen, ein sorglos Lied
von meiner Wonne sänge!

Hölderlin - ein Klang ohnegleichen. Sein Leben erfüllte sich im Poetischen. Er wurde im März 1770 in Lauffen am Neckar geboren und starb 1843 in Tübingen. Zuletzt zwölf Jahre in einem Turm, der heute verehrungsvoll Hölderlinturm heißt. Dort dichtete er weiter unter Scardanelli. 'Zur Hälfte des Lebens', einem der schönsten seiner Gedichte schreibt Ernst Jandl umfassend: 'Zu leben, am Leben zu sein, darüber ließe sich nur jubeln, empfänden wir Menschen uns nicht zu jeder Zeit als Sterbliche, unser Leben als begrenzt'. Wie wahr!"

 

 

 

 


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Herausgeberin: Bürgerstiftung Weinheim

Vorstandsvorsitzender: Jürgen Osuchowski
Stellvertretende Vorstandsvorsitzende: Gudrun Aisenbrey

Kontakt:
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Hauptstraße 128
69469 Weinheim
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